Herausforderung versus Problem Teil 2

Bei uns gibt es keine Konflikte!

In Unternehmen oder in Teamstrukturen kann es zu schwelenden, latenten Konfliktsituationen kommen, wenn die Existenz von Differenzen negiert oder langanhaltend ignoriert wird. Diese Differenzen können als Unzufriedenheit, Ungereimtheit oder Ungerechtigkeit (gegenüber der eigenen Person) wahrgenommen werden. Dafür gibt es vielfältige Ursachen: Führungsschwäche, unklare Ziele, schlechte Arbeitsbedingungen, ungerechtfertigt hoher Druck, schlechte Bezahlung.

Solange die Thematik keinen unerträglich hohen Level an „Leidensdruck“ erzeugt, bleiben Aktionen und Äußerungen des Unmutes womöglich noch aus. Hoher Leistungs- bzw. Konkurrenzdruck kann das innere soziale Gefüge ganz schön anheizen. Diese Methodik wird nicht selten als leistungssteigerndes Instrument eingesetzt. In einem solchen Klima stellt man oft fest, dass die Bezeichnung „Problem“ für einen Sachverhalt im Zusammenhang mit einer Aufgabenstellung lieber vermieden werden sollte. Entweder wird man höflich aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht, dass in diesem Unternehmen keine Probleme bestehen, oder man scheut sich im Rahmen von Meetings Problemfelder anzusprechen.

Probleme zu artikulieren, stellt nicht nur eine persönliche Mutprobe dar, sondern ist womöglich out und der Karriere nicht sehr förderlich. Das Wort „Problem“ ist dem Anschein nach ohnehin bereits aus dem individuellen Wortschatz verschwunden und durch den viel zuversichtlicheren Begriff der „Herausforderung“ ersetzt worden. Als erfolgsorientierter Mensch sieht man primär Herausforderungen anstelle von Problemen, interpretiert stetig zunehmende Anforderungen als Entfaltungspotenziale und setzt wachstumsfördernde Maßnahmen als Mittel gegen Stagnation ein. Probleme bleiben derjenigen Gruppe von Menschen vorbehalten, denen es an Inspiration fehlt, um schwierige Aufgaben zu lösen, sagen die Erfolgreichen. Die Hilflosen haben Probleme, aber nicht die Macher unter uns! Sie finden Mittel wie Wege und schaffen das „Problem“ aus dem Weg.

Trotzdem wird man zuweilen feststellen, dass sie dennoch existieren, die Probleme, die ungelösten Konflikte, systembedingte Schwachstellen, Reibungspunkte, schwer bezwingbare Hindernisse oder Barrieren. Sie kehren in regelmäßigen, periodischen Zyklen immer wieder ans Tageslicht zurück. Manche Probleme gleichen einer nicht ausgeheilten Krankheit, die unter der Oberfläche unserer Wahrnehmungsgrenze latent elaboriert und darauf wartet in einem schwachen Moment auszubrechen. Daher erleben Individuen wie Gruppen und Gesellschaften Krisen immer und immer wieder aufs Neue, weil die tieferliegenden Ursachen meist nicht angegangen, oder ignoriert wurden.

Aus welchen Gründen, werden problematische Zusammenhänge ignoriert, selbst wenn diese ganz offensichtlich bestehen? „Die Antworten hängen mit dem inneren ‚Sicherheitssystem‘ des Menschen zusammen, das sofort ‚Alarm‘ signalisiert, wenn Herausforderungen nicht mehr überschaubar und beherrschbar sind. In einer Gruppe Kritik zu äußern wird meistens als sehr große Herausforderung erlebt, weil es halbbewusst zu Phantasievorstellungen kommt, z.B. sich zu blamieren, ausgegrenzt oder in unsichere Situationen hinein gerissen zu werden. Diese Vorstellungen erzeugen Angst und Panik, weil sie an das Elementarbedürfnis nach sozialer Geborgenheit rühren. Schweißausbrüche, Erröten, Zittern, eine unsichere Stimme sind körperliche Symptome dieser inneren Verunsicherung. Um sich davor zu schützen, wird die Vermeidungsstrategie gewählt: ‚Ich sage nichts, dann kann mir auch nichts passieren!‘ Anpassung an die Gruppe und Verzicht auf autonomes Handeln sind die Konsequenz. Weil das die meisten Menschen so praktizieren, werden ineffektive Zusammenarbeitsformen über lange Zeit ertragen und manchmal nie verändert!“ (R. Ballreich, S. 3)

Begriffsdifferenzierung: Herausforderung und Problem

Herausforderungen haben den Problemen eine wesentliche Qualität voraus, da sie nämlich eine formulierte Absicht oder ein Bekenntnis zu einer Geisteshaltung sowie Grundeinstellung diesem bezeichneten Begriff gegenüber beinhalten.

Kommt der Begriff „Problem“ zum Einsatz, dann wird er ganz bewusst gebraucht. Denn es bedeutet, eine Differenzierung vorzunehmen, zwischen der bewältigbaren Herausforderung und dem Problem. Das Problem weist die Natur einer Differenz auf. Sie ist vielmehr wie ein abstraktes Gebilde zu verstehen, das an sich noch nichts bewirkt, es sei denn Menschen sind mit ihren Vorstellungen und Absichten involviert. Ein Problem stellt also noch keinen Konflikt als solches dar. Es besitzt vielmehr das Potential zukünftig für Reibungen zu sorgen. Glasl spricht im Zusammenhang mit Differenzen von ganz natürlichen Unterschieden oder Gegensätzen, die zum Teil „grundlegend notwendige Voraussetzungen für Leben und Entwicklung schlechthin“ darstellen. (vergl.: F. Glasl, 2015, S. 23)

Nachschlagewerke erläutern die „Herausforderung“ als Ansporn oder Provokation. Es handelt sich dabei um Situationen, die eine Auseinandersetzung erforderlich machen oder als Anstoß zur Lösungsfindung verstanden werden können. Aus ihr kann die Motivation erwachsen, diese gestellte Aufgabe gewappneten und kampfbereiten Geistes anzugehen, um sie letztendlich zu bewältigen. Im Gegensatz dazu stellt sich das „Problem“ als langwierige und schwer zu lösende wie komplexe Aufgabe dar.

In der Wissenschaft kennt man solche in der Gestalt von Paradoxa oder unmöglich zu lösenden Fragestellungen wie etwa die Quadratur des Kreises. Der Mathematiker, David Hilbert, konfrontierte seine Zuhörerschaft bei einem Mathematiker-Kongress am 8. August 1900 in Paris mit damals ungelösten Problemen der Wissenschaften, insbesondere aber der Mathematik (vergl.: I. Stewart, 2015, S. 28). Geht man die Liste heute durch, wird man feststellen, dass einige hartnäckige Fälle nach wie vor offen sind. Viele wurden allerdings bereits teilweise oder sogar vollständig gelöst.

Eine Analogie zu wissenschaftlichen Fragestellungen

Wie konnte es gelingen einige der sehr herausfordernden Fragestellungen in wissenschaftlichen Disziplinen, wie z.B. der Mathematik oder der Physik zu bewältigen? Einfach dadurch, indem man sie als solche erkannte, formulierte und den Grad der Komplexität beurteilte. Im Falle der zähen mathematischen Probleme des ausgehenden 19. Jahrhunderts, begann man sich diesen offenen Fragen zu stellen und diskutierte sie ganz objektiv und unvoreingenommen. Hilberts Fragestellungen gingen daher als die „Hilbertschen Probleme“ in die Geschichte der Wissenschaften ein.

In den vergangenen 100 Jahren haben sich engagierte Forscherinnen und Forscher das eine oder andere wissenschaftliche Problem zur Lebensaufgabe gemacht, indem sie über die verschiedensten Methoden der Analyse Lösungswege erarbeiteten. Einige der damals postulierten Probleme brachten unangenehme Konsequenzen für wesentliche Gebiete der Wissenschaften ans Licht. Manche Lösung wurde daher auch sehr kontrovers diskutiert. Aus heutiger Sicht kann man allerdings sagen, dass es für die Wissenschaft sehr viel förderlicher war, sich diesen bestehenden Problemen zu stellen als sie zu ignorieren.

In den Naturwissenschaften können zwei Grundannahmen unterschieden werden:

  • Es mangelt an einem umfassenden Verständnis der komplexen Zusammenhänge in einer durch die Natur gegebenen Fragestellung, weshalb man nicht in der Lage ist diese zu lösen oder ausreichend zu beschreiben. Dies trifft im Falle von beobachtbaren Wirkungen zu, deren Ursache nicht vollends aufgeklärt werden können. Die Existenz einer Lösung wird von den Forschern zwar postuliert, da es sich um natürliche, empirische Vorgänge handelt, aber das Phänomen entzieht sich weiterhin einer wissenschaftlich akzeptierten Erklärung.
    Als Beispiel dazu seien die Formeln zu physikalischen Wechselwirkungen genannt (Gravitation, Elektromagnetismus etc.). Diese Naturkräfte konnten bereits in pragmatischer Weise beschrieben bzw. vereinheitlicht werden. Bei den geheimnisvollen Vorgängen der Quantenmechanik, ist sich die Grundlagenforschung über deren Deutung allerdings weiterhin im Unklaren. Außerdem ist die Suche nach der Weltformel nach wie vor im Gange – selbst, wenn es einige Hypothesen als Kandidaten dafür bereits heute gibt.
    Die Physikerin Sabine Hossenfelder hat mit ihrem Buch „Das hässliche Universum“ eine engagierte Streitschrift zu diesem Thema verfasst, um aufzuzeigen wie weit wir zur Zeit noch von diesem Ziel entfernt sind.
  • Fragestellungen abstrakter Natur lassen sich nicht erfolgreich lösen, da kein passender Entwurf zu einer Lösung gefunden werden kann. Abstrakte Fragen der Mathematik gehören insbesondere in diese Kategorie. Hier kann nicht von einer existierenden Lösung ausgegangen werden, da es sich nicht unbedingt um natürliche Phänomene handelt, selbst wenn konkrete Strukturen oder Begriffe involviert sind, wie z.B. natürliche Zahlen. Die Problematik ergibt sich rein durch die Formulierung der Fragestellung. Wer will das wissen und warum? Die Riemannsche Vermutung aus dem Gebiet der Zahlentheorie, ist ein passendes Beispiel für eine abstrakte Problematik, deren Lösung unsicher ist. Es ist unklar, ob die Anzahl aller existierenden Primzahlen tatsächlich exakt bestimmt werden kann.

Bei abstrakten Problemstellungen sind die Sichtweise und die konzeptionelle Herangehensweise von Bedeutung. Solange eine Frage im Geiste formulierbar ist, könnte auch eine vorstellbare Lösung existieren. Manche Konfliktsituationen sind ähnlich gelagert. Es existiert womöglich keine eindeutige Lösung, die es zu finden gilt. Anstatt dessen werden Absichten und Motivationen sichtbar. Es könnte sich um moralische oder gesellschaftliche Belange handeln, die eine veränderte Sichtweise oder neue Perspektiven erfordern, weil sich die Situation verändert hat. Die zentrale Frage ist: besteht überhaupt der Wille dazu diese Problematik anzugehen, oder soll sie ignoriert und unter den Tisch gekehrt werden? Ist die Beschwichtigung oder Bagatellisierung das eigentliche Ziel? Welche Annahme soll durch die Lösung bestätigt werden? Ist dieses Problem-Szenario rein abstrakter Natur oder folgen daraus reale Konsequenzen?

Ungelöste Probleme als Konfliktursache

Probleme stellen ungelöste Konflikte dar, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt größer erscheinen als man selbst ist. Es mag sich das Erfordernis abzeichnen, über sich selbst hinauszuwachsen. Indem man die Komplexität der Aufgabe anerkennt, zollt man ihr den gebührenden Respekt. Manchmal wird einem die Größe abverlangt zuzugeben, dass man zurzeit nicht die gegebenen Mittel, die Ressourcen wie das Wissen hat oder die Möglichkeiten fehlen, um den Konflikt sofort zu lösen. Die erkennbare Tragweite und langfristige Konsequenz, die mit der Aufgabe einhergeht, können bewirken, dass man sich für deren Lösung Hilfe holen muss, weil man sie nicht allein bewältigen kann. Es stellt ein Eingeständnis dar, dass die Aufgabe größer ist als man sie eingeschätzt hat. Als Ergebnis kann ein Wegweiser erarbeitet werden, in welche Richtung man sich weiterentwickeln will.

In einer erfolgsverpflichteten Gesellschaft wird die Auseinandersetzung mit Problemen zuweilen gemieden, selbst wenn diese ganz offensichtlich bestehen – totgeschweigen statt akzeptieren. Personen werden als Nörgler stigmatisiert, weil sie diese offenen Fragen aufgreifen. Probleme stellen daher unsere tabuisierten Konflikte dar, die wir aber nicht gewillt sind anzugehen und daher verdrängen. Sie bilden die Schmerzpunkte unserer Gesellschaft.

An dieser Stelle soll keine vergleichbar historisch bedeutende Liste an Problemen der Gegenwart folgen. Vielmehr will die Thematik des „Problems“ ins rechte Licht gerückt werden: die problemmeidende Gesellschaft. Konfliktscheue verhindert die gesunde Konfliktverarbeitung. Glasl spricht von zwei extremen Haltungen: „Menschen sind entweder sehr konfliktscheu oder betont streitlustig“. In so einem Fall entsteht in einer Organisation „eine Organisationskultur der Konfliktvermeidung und Konfliktunterdrückung, die zu Erstarrung sowie zum Verlust von Freude, Kreativität und Vitalität führt“, wenn viele Menschen diese Haltung teilen. Das Gegenteil würde die Zerstörung von Gemeinsamkeiten bewirken. (vergl.: F. Glasl, 2015, S. 11)

Eine Gesellschaft lebt mit ihren individuellen Tabuthemen. Sie kennt ihre sensiblen Stellen und thematisiert diese vorübergehend in den Medien, wobei Fakten und Daten zur Untermauerung herangezogen werden. Konkrete Ereignisse erhitzen die Gemüter kurzfristig. Nachhaltige Lösungen gestalten sich aber schwierig, wenn sie auch diskutiert werden. Mikrogesellschaften wie Familien, Unternehmen oder Teams sind ebenfalls in der Lage solche Tabuthemen zu entwickeln. In der Praxis gestaltet es sich unter Umständen schwierig bis unmöglich diese anzusprechen. In Unternehmen, beispielsweise, können solche unüberwindbaren Probleme zu Frustration und Resignation führen. Selbst wenn es gelingt, eines der heißen Themen anzuschneiden, indem auf Fakten basierende Argumentationen vorgebracht werden, bleiben konkrete Maßnahmen aus. Es entsteht keine Umsetzungsenergie. In meiner beruflichen Praxis konnte ich oft die Beobachtung machen, dass die reine Faktenlage noch nicht als Bedingung für Veränderungen angesehen wird. Man bleibt lieber bei den alten Mustern: „Das haben wir immer schon so gemacht“. Und so bleibt alles beim Alten und Bewährten.

Weiterlesen: Blockaden in Konfliktlösungsszenarien

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